YesterPlay: Soul Fighter (Dreamcast, Toka, 1999)

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File:SoulFighter DC EU Box Front.jpg
Cover der PAL-Version (Quelle: segaretro.org)

Segas Dreamcast wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben. Nicht nur weil es Segas letzte “richtige” Konsole war und es jede Menge toller Spiele dafür gab. Sondern weil es die erste Konsole war, die ich mir damals selbst kaufen konnte, nachdem ich 1998 eine zweite Ausbildung anfing und etwas Geld gespart hatte. Viel war es nicht und so hatte ich Anfangs nur eine kleine handvoll Spiele zur Auswahl, darunter z.B. “Sonic Adventure”, “Tech Romancer” und auch dieses hier: “Soul Fighter”.

“Soul Fighter” ist ein 3D-Beat ’em up in einem mittealterlichen Fantasysetting und hätte gut als eine Art “Golden Axe 3D” durchgehen können. Die tragische Story wird im Booklet umfassend und im Intro sehr ausschweifend erzählt, hier die Kurzform: Einer der beiden Söhne des Königs von Gonar kommt bei einem Jagdunfall ums Leben, was die Königin und den verbliebenen Bruder in ihrer Verzweiflung dazu bringt, sich mit bösen Mächten einzulassen. Wie wir wissen, geht so etwas selten gut und so ist es kaum verwunderlich, dass von nun an zahlreiche Menschen in übellaunige Mischwesen verwandelt werden, halb Mensch, halb Tier. Mit einem von drei wählbaren Charakteren liegt es nun am Spieler, die Seelen aller Verwandelten einzusammeln und sie an den Ort zu bringen, an dem alles begann.

Alles ist möglich, wenn Schweine fliegen

Zur Wahl steht der rothaarige Haudrauf Altus, die gewandte Spionin Sayomi und der bereits betagtere aber keineswegs weniger zimperliche Magier Orion. Wie man es von den klassischen 2D-Sidescrollern kennt, prügelt man sich mit dem Kämpfer seiner Wahl durch allerlei abwechslungsreiche und offen gehaltene Lokationen und versucht, innerhalb des gegebenen Zeitlimits allen darin auftauchenden Gegnern sprichwörtlich die Seele aus dem Leib zu prügeln, um sie mit allen anderen in einer Flasche zu sammeln. Auch die Anwendung von Waffengewalt ist möglich, diese sind aber immer nur zeitlich oder mengenmäßig begrenzt einsetzbar. Dabei nutzen einige sogar die neu gewonnene dritte Dimension sinnvoll, Wurfmesser, Äxte und Armbrüste z.B. werden aus einer First-Person-Ansicht geworfen bzw. abgeschossen. So gut wie jeder Gegner lässt beim Ableben irgend etwas fallen, mal ist es Nahrung, die Eure Lebensenergie wieder etwas aufmöbelt, mal ist es Gold, das den Punktestand etwas aufpoliert. Hin und wieder landet auch mal eine Schriftrolle am Boden, die nützliche Tips zum Spiel an sich oder das aktuelle Level enthält. Und natürlich trifft man auch alle paar Level mal auf einen Bossgegner, der so richtig hinlangt.

Gespielt werden kann das Spiel zwar immer nur alleine, dafür aber auf zwei Weisen: Kernstück des Spiels ist der Arcademodus. Hier stehen maximal 5 Continues zur Verfügung, um das Reich Gonar von allem Übel zu befreien, dafür darf man aber vor jedem der 12 Level auswählen, mit welchem Charakter man ihn bestreiten will. Im Abenteuermodus geht es etwas gemächlicher zu, hier darf man nicht nur nach jedem Level speichern, sondern hat auch unendlich Leben zur Verfügung. Allerdings muss man hier auch einen Level mit einem Leben meistern, stirbt man mitten im Level, muss er von vorne begonnen werden. Auch muss man sich im Abenteuermodus zu Beginn auf einen der Charaktere festlegen, der freie Wahl zwischen jedem Level entfällt hier.

Kann eine Frau hier nicht mal unbehelligt alleine in die Kneipe gehen?

Musikalisch wird das wüste Geschehen von (film)mittelalterlich angehauchten Klängen begleitet, die leider genauso wenig abwechslungsreich sind wie die spärlichen Soundeffekte. Und nicht nur akustisch merkt man dem Spiel schnell an, dass es nicht gerade in der ersten Liga der Dreamcast spielt. Es gibt beispielsweise nicht viele Spiele, bei denen die zahlreichen, vorgerenderten Zwischensequenzen tatsächlich noch schlechter aussehen als die ohnehin recht polygonarme, dafür aber sehr farbenfrohe Spielegrafik. “Soul Fighter” ist jedenfalls eines davon. Die Kameraführung schwankt zwischen fummelig bis katastrophal und die träge Steuerung macht es einem, gerade gegen größere Gegnerhorden, trotz der schönen und flüssigen Animationen auch nicht gerade leichter. Entwickler Toka nutzte für das Spiel damals eine 3Dfx-Entwicklungsumgebung, da neben der Dreamcast- auch eine PC- und sogar eine Arcade-Fassung angedacht war. Schlussendlich blieb das Spiel aber doch Dreamcast-exklusiv und wurde innerhalb von nur 3 Wochen von der PC-Umgebung auf Segas Kringelkasten portiert. Etwas mehr Feinschliff hätte dem Spiel definitiv gut zu Gesicht gestanden. Geblieben ist ihm aber auf jeden Fall sein Arcade-Charme mit dem typischen Flair früher 3Dfx-Spiele. Und genau diese Kombination ist es, die voll meinen Nerv trifft und mich doch immer wieder mal allen bereits genannten Unzulänglichkeiten zum Trotz in den Kampf gegen allerlei fantastisches Menschengetier ziehen lässt.

Gepflegte Bambule am Hafen

“Soul Fighter” bekam keinen Nachfolger, hatte aber zwei spirituelle Vorgänger: Bereits 1992 brachten die beiden Hauptentwickler Carlo Perconti und Lyes Belaidouni, die damals noch als “Arcade Zone” firmierten, mit “Legend” einen 2D-Klopper auf dem SNES heraus. Nach der Gründung des neuen Studios “Toka” brachte das Team 1994 ein 3D-Remake von “Legend” auf der PlayStation heraus, das “Soul Fighter” spielerisch und recht ähnlich ist, einige Soundeffekte und Musikstücke wurden auch direkt daraus übernommen.

Wiederveröffentlicht wurde keines der Spiele, auch “Soul Fighter” ist also bis heute nur auf Dreamcast oder in einem Emulator spielbar. (UPDATE vom 2019-08-26: Die SNES-Version ist doch im Bundle mit einem Emulator auf Steam nochmal veröffentlicht worden!) Wenn man das denn überhaupt möchte, denn nicht oft halten sich Charme und Unzulänglichkeiten so sehr die Waage, wie in diesem Fall. Hier ist jedes Quäntchen persönliche Vorliebe oder Nostalgiefaktor das Zünglein an der Waage, die in meinem Fall eben gerade noch für das Spiel ausschlägt, bei jedem anderen aber auch das Gegenteil ausmachen kann.

YesterPlay: Soul Fighter (Dreamcast, Toka, 1999)
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2 Kommentare

  1. An Soul Fighter kann ich mich auch noch erinnern, aber ich habe es nie so richtig gespielt, was nicht zuletzt daran liegt, dass ich solche Spiele eigentlich immer im Koop spiele und das ja leider nur solo geht. Vielleicht sollte ich es trotzdem mal nachholen. Es steht ja sowieso noch hier im Regal und eigentlich sollte bei mir kein DC-Game ungespielt bleiben 😀 Auch das Legend auf der PS habe ich damals mal aus der Videothek geliehen, glaube ich. Das erste Spiel (SNES) wurde übrigens doch wiederveröffentlicht, es erschien schon vor einer Weile über Piko Interactive auf Steam. Ist aber wohl letztlich auch nur ne billige Emulation ohne irgendwelche Extras oder Änderungen: https://store.steampowered.com/app/412380/Legend_1994/

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    1. Ah, cool, das ist völlig an mir vorüber gegangen, danke! Gleich mal für einen Sale vormerken.

      Ja, “Soul Fighter” schreit eigentlich geradezu nach einem Coop-Modus, wobei ich mir vorstellen könnte, dass das im Splitscreen schnell unübersichtlich werden könnte. Aber so oder so: Wenn Du es eh im Regal stehen hast, spiel auf jeden Fall mal rein, es hat durchaus ein paar Qualitäten.

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